Dienstag, 18.08.2026 18:22 Uhr

Rheinkilometer Null

Verantwortlicher Autor: Prof.Dr. Peter Schroeder Wesel (D)/Oberalppass (CH), 18.08.2026, 15:01 Uhr
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Denkmalstein am Tomasee
Denkmalstein am Tomasee  Bild: Schroeder

Wesel (D)/Oberalppass (CH) [ENA] Wer wie der Autor dieses Beitrages 1950 in Wesel am Niederrhein auf Höhe des Rheinkilometers 815 das Licht dieser Welt erblickt hat, hat ein Dreivierteljahrhundert Zeit gehabt, die Quelle dieses majestätischen Flusses, den Lai da Tuma, den Tomasee zu erkunden.

Dabei ist es so schwierig nicht: in Wesel auf die Autobahn A3, ein paar hundert Kilometer geradeaus Richtung Süden bis Göschenen. Dann in Andermatt nach links bis auf der Passhöhe des Oberalppasses, wo rechterhand unübersehbar der Leuchtturm Rheinquelle auftaucht. Der 10 Meter hohe Turm ist eine Nachbildung des ehemaligen Unterfeuers Hoek van Holland, das über sieben Jahrzehnte die Mündung des Rheins in die Nordsee markierte. Marketing natürlich, und nicht einmal der höchste, denn der ist der Faro de Puno auf 3800 Metern am Titicacasee.

Hier beginnt der T2-markierte zweistündige Wanderweg. T2 ist eine niedrige Stufe der bis T8 reichenden Skala des Schweizer Alpenclubs SAC, trotzdem charakterisiert als durchgehender meist schmaler, steil angelegter, wurzeliger oder steiniger Weg mit gelegentlicher Absturzgefahr. Zwischen diesen Gelegenheiten richtet sich der Blick hinab ins das Tujetsch entlang des Vorderrheins bis Sedrun, wo man ab und an einen Zug der Furka-Oberalpbahn entdecken kann, der sich über eine Zahnstange angetrieben, zum Oberalppasse hinaufwindet.

Der Tomasee liegt auf 2343 Meter Höhe, 300 Höhenmeter über dem Ausgangspunkt in einer Mulde am Fuß des Piz Badus. Gespeist wird er von einem Dutzend Bergbächen. Das kristallklare Wasser beherbergt Bachforellen, Elritzen oder Seesaiblinge. Letztere sollen zuverlässig beißen. Andere Stimmen behaupten, dass die Fische, der guten Sicht wegen, ein Bogen um Haken und Angler machen würden. Von hier plätschert das Wasser in die Tiefe und formt den mächtigen Fluss, der nach 1231 Kilometern in die Nordsee mündet und noch zu Beginn Goldsuchern die Chance zu schmalem Reichtum ermöglichen (haben) soll.

Der Gedanke, dass an der Quelle die Zählung der Rheinkilometer beginnt, ist nicht einmal korrekt. Der "richtige" Rheinkilometer Null" wurde am 1.April 1939 auf der Mitte der Alten Rheinbrücke in Konstanz festgelegt. Der Rhein verkürzt sich somit auf rund 1032 Kilometer. Die Idee hinter diesem Beginn war, dass sich Behörden und Rheinschiffahrt einer einheitliche Markierung bedienen können. Dann gibt es drei kürzere Kilometer im Verlaufe des Flusses: gleich zu Beginn bei Stein am Rhein, wo KM 22-23 600 Meter lang ist, dann Roxheim in Rheinland-Pfalz (KM436-427/635 Meter) und Kilometer 529-530 bei Bingen mit einer Länge von 525 Metern.

Bei 25 Grad und leichtem Wind verweilt man auf dem kleinen Hochplateau, von einen Denkmalstein mit Aufschrift „Rheinquelle“ markiert. Die Gedanken mögen rheinab entlang des Abschnitts als umkämpfter Grenzfluss Richtung Binger Loch und Loreley schweifen. Deren Zauberblick, verewigt 1801 von Clemens Brentano in seinem Roman „Godwi“ oder in Heinrich Heines „Lied von der Loreley“, machte das Umschiffen des Felsens zu einem kritischen Manöver, was heute und aktuell der Klimawandel ohne Gesang ebenfalls garantiert.

Heines Gedicht beginnt mit „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin“. Er hatte sicher keinen zukünftigen Wassermangel im Kopf, als er die Zeilen schrieb, wenn auch der Rhein als „umweltfreundlichster Verkehrsträger“ (Verkehrsminister Steffen Bilger) politische Aufmerksamkeit verdiene, um die Traurigkeit aus den Köpfen von Rheinschiffern, Anrainern oder denen zu vertreiben, die den sich am Sonntag ausbreitenden LKW-Verkehr beklagen.

Andere sich historisch orientierende Gedanken finden den Wiener Kongress 1815 mit der Idee, der Rhein könne ein Garant der Industriellen Revolution werden und der mit ihr verbundene Handel würde die damalige Neigung der Anrainerstaaten, gegeneinander Krieg zu führen, dämpfen. Generalfeldmarschall Blücher überquerte den Rhein in der Silvesternacht 1813/14 in der Verfolgung Napoleonischer Truppen und die Idee, dass die (europäische) Globalisierung die Kriegslust dämpfen würde, schien damals ebenso wenig eine Zukunft zu haben wie heute.

Ob sich Richard Wagner für sein „Rheingold“ von den Nuggets am Oberrhein hat beeinflussen lassen, wissen wir nicht. Sein Held Alberich versucht vergebens, eine der schönen Rheintöchter, Wellgunde, Woglinde oder Floßhilde, für sich zu gewinnen. Solche Romanzen - finden sie heute angesichts von Dating-Apps überhaupt noch in den Rheinauen statt? - lassen den Gedankenstrom in Richtung Robert Schumanns 1850 entstandener 3. Sinfonie „Die Rheinische“ fließen, deren erste beide Sätze „Lebhaft“ und „Scherzo: Sehr mäßig“ mit zur besten romantischen Musik schlechthin gezählt werden.

Der dritte Satz „Nicht schnell“ ist der Taktgeber für den Rückweg, mit innerer Erfrischung durch das munter sprudelnde Quellwasser und äußerer durch einen kräftigen Gewitterschauer.

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