Samstag, 04.04.2026 08:02 Uhr

Kriegsdienstverweigerer zu Gast auf der Friedenskonferenz

Verantwortlicher Autor: Sergej Perelman München , 16.02.2026, 15:53 Uhr
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Von links: Dr. Kerem Schamberger, Simon David Dressler, Sofia Orr, Timofey Vaskin, Yan Kormilitsyn

München [ENA] Parallel zur 'Münchner Sicherheitskonferenz' fand vom 13. bis 15. Februar 2026 die '24. Internationale Münchner Friedenskonferenz' unter dem Motto "Gegen den Strom der Gewalt" statt. Bei der Abendveranstaltung am Freitag waren Kriegsdienstverweigerer aus Israel, Russland und Ukraine zum Thema "I refuse. Weltweiter Widerstand gegen den Krieg" auf dem Podium. Sofia Orr (Israel) musste sogar für 85 Tage ins Gefängnis.

Die Podiumsgäste bei der Abendveranstaltung am 13. Februar 2026 im Rahmen der '24. Internationalen Friedenskonferenz' in München waren Simon David Dressler (Political Influencer), Sofia Orr ('Mesarvot', israelische Kriegsdienstverweigerung), Timofey Vaskin (Kriegsdienstverweigerer aus Russland), Yan Kormilitsyn (Kriegsdienstverweigerer aus der Ukraine), Franz Nadler (Connection e.V.) und Katharina Rottmayr-Czerny (Netzwerk Friedenssteuer). Im Saal befanden sich ca. 300 Besucherinnen und Besucher. Vertreter anderer Presseorgane waren nicht anwesend.

In der von Frau Maria Feckl (auf dem Gruppenfoto zweite von rechts) und ihrem Team organisierten Friedenskonferenz gehe es um "Kriegsdienstverweigerung als Widerstand gegen Staat und Militär", moderierte Kerem Schamberger (auf dem Gruppenfoto fünfter von links) an und führte weiter aus: "Kriegsdienstverweigerung ist weit mehr als nur eine individuelle Gewissensentscheidung. Sie ist ein politischer Akt, der staatliche Gewalt, Militarisierung und Kriegsvorbereitung grundsätzlich in Frage stellt." Die Videoaufzeichnung der Veranstaltung auf Deutsch ist online verfügbar und wird unten verlinkt.

Das Podium samt Veranstalter und Dolmetscher. München, 13. Februar 2026. Foto: Sergej Perelman
Zuschauer und Banner am der Wand. München, 13. Februar 2026. Foto: Sergej Perelman
Zuschauer. München, 13. Februar 2026. Foto: Sergej Perelman

Sofia Orr, Mitglied bei 'Mesarvot' (eine Organisation von jungen israelischen Kriegsdienstverweigerern, die monatelange Inhaftierungen in Kauf nehmen und gegen das barbarische Unrecht in Gaza protestieren), habe ihre Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern schon im Alter von 14/15 Jahren getroffen. Es sei ihr Aufwachsen "in einer besonderen, nicht-zionistischen Familie mit viel Empathie, kritischem Denken und Solidarität", das ihre Entscheidung ermöglicht hat, erläuterte die 20-Jährige. In Israel beginnt die Indoktrination sehr früh, die darin besteht, das Militärische, das Kämpferdasein als Heldentum zu glorifizieren, erklärte Orr und fügte hinzu, dass sie all das vor allem dank ihrer Erziehung hinterfragt habe.

"Wenn ich zwei Jahre im Krieg verbringen würde, dann würde ich mich am Teufelskreis des Blutvergießens und der Unterstützung eines autoritären Regimes beteiligen, was ich nicht mit meinen moralischen Werten vereinbaren kann, weshalb ich mich entschieden habe, den Kriegsdienst zu verweigern", erklärt Orr ihre Beweggründe und Intentionen, "ich wollte aus meiner Entscheidung, inklusive der Gefängnisstrafe, öffentlich wirksamen Aktivismus machen, um ein Zeichen zu setzen und meine Stimme zu erheben für die Palästinenser." Die Armee versuche, Kriegsdienstverweigerer dadurch umzustimmen, dass sie sage "Du wirst keinen Job finden!", "Du ruinierst dein Leben!", doch dieses Narrativ sei nicht wahr, denn Orr selber sei Studentin an einer Universität.

Besonders nach dem 7. Oktober 2023 hat sich die Lage im Land verschärft. Die militaristische, faschistische Ausrichtung der rechten Kräfte wird immer stärker und die Kriegsdienstverweigerer bekommen noch mehr Gegenwind, meinte Orr sinngemäß. Außerdem habe sie selber Glück gehabt, weil ihr näherer Familienkreis sie bei Ihrem Engagement unterstützt. Viele andere haben dieses Privileg nicht, weshalb die Arbeit von 'Mesarvot' auch eine soziale Komponente enthält, um andere 'Abtrünnige', die auch in der Familie verachtet werden, aufzufangen, erläuterte die 20-Jährige. Sie wünscht sich Unterstützung durch Spenden, "weil alles ehrenamtlich läuft"; durch Appelle an die Bundesregierung, die Bewaffnung Israels und den Völkermord zu beenden.

"Wenn ich mich engagiere und ich bekomme tausende Kommentare mit furchtbaren Beleidigungen, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, dann braucht es nur eine Person, die sagt: 'Deine Inhalte haben mich zum Nachdenken gebracht', um etwas Hoffnung zu schöpfen. Aber ich würde es so oder so tun, ob mit oder ohne Aussicht auf Erfolg, weil ich es für mein Gewissen tun muss und für alle, die auf dieser Welt leben", mit diesen Worten gab die israelische Kriegsdienstverweigerin einen tiefen Einblick in ihre Einstellung.

Timofey Vaskin, russischer Kriegsdientverweigerer. München, 14.02.2026. Foto: Martin Pilgram

Timofey Vaskin ist Menschenrechtsanwält aus Russland und lebe derzeit in Deutschland. Nach Kriegsbeginn habe er Russland aufgrund politischer Verfolgung verlassen. Seit mehreren Jahren setze er sich für die Rechte von Kriegsdienstverweigerern in Russland und für alle Kriegsgegner ein. Im Moment werde er von den russischen Behörden wegen seiner Menschenrechtsarbeit verfolgt. In Dutzenden von Ländern werde nach ihm gesucht, als wäre er ein Verbrecher. "Ich bin Deutschland dankbar für den Schutz, den es mir gewährt. Ich muss aber auch sagen, dass Deutschland – sowohl allein als auch als Teil der Europäischen Union – einen schwerwiegenden negativen Beitrag zu diesem Krieg leistet", betonte Vaskin.

Europa gebt Millionen Euro für Sanktionen gegen Russland aus, doch einfache Russen und Antikriegsmigranten würden am meisten darunter leiden, hebte Vaskin hervor. Deutsche Behörden würden zu russischen Deserteuren mitunter sagen: 'Ihr Präsident Putin sagt, es bestehe keine Gefahr für Sie in Russland, wir glauben ihm, deshalb erhalten Sie hier keinen Schutz.' "Ich kann die Politik Europas und Deutschlands nicht ändern – aber Sie können es", appellierte Vaskin an die Zuschauer.

"Als Menschenrechtsverteidiger bin ich der Überzeugung, dass das Recht, den Militärdienst aus Gewissensgründen zu verweigern, gewährleistet sein muss. Wenn die europäischen Staats- und Regierungschefs ihre Außenpolitik jedoch nicht ändern, könnte auch Europa in einen Krieg geraten. Sind Sie sicher, dass Sie in einer solchen Situation den Militärdienst aus Gewissensgründen verweigern oder in einem anderen Land Schutz finden könnten? Der beste Weg, das Recht auf Wehrdienstverweigerung zu schützen, ist, Kriege zu verhindern", schloss der junge Menschenrechtsanwalt seinen Redebeitrag ab.

Yan Kormilitsyn kommt aus Kiew. "Als die Regierung angefangen hat, nur noch über den Krieg zu sprechen und als dieselbe Regierung im September 2025 ein neues Gesetz verabschiedet hat, wonach Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren das Land nicht mehr verlassen dürften, habe ich angefangen, darüber nachzudenken mein Land zu verlassen und habe diese Entscheidung schließlich auch getroffen. Es gab keinen Strom und viele andere Dinge haben gefehlt. Das Leben in der Ukraine ist ungerecht: die einen kämpfen an der Front, die anderen kaufen sich Häuser in Italien von unseren Steuern", beschrieb der der 23-Jährige die Hintergründe für seinen Entschluss.

Mithilfe der Propaganda schaffe man es, die Ukrainer aufzuhetzen, meint der junge Ukrainer. "Ich habe z.B. kein Problem mit Timofey. Wir reden freundlich miteinander. Wir sitzen hier beisammen", schildert Kormilitsyn seine ablehnende Haltung gegenüber dem Militär, während das Publikum, sichtlich berührt, ihm applaudierte. Als der Krieg ausbrach, wollte er beim Aufbau der öffentlichen Infrastruktur Hilfe leisten und bat seine Expertise den Behörden an, aber diese lehnten sein Gesuch ab, weil sie nur Kämpfer für die Front benötigten, erzählte er außerdem. "Ich habe mich gegen den Kriegsdienst entschieden, weil ich keine Zukunft im Töten von Menschen sehe."

Publikum, Banner und Bühne. München, 13.02.2026. Foto: Sergej Perelman
Katharina Rottmayr-Czerny, Netzwerk Friedenssteuer. München, 13.02.2026. Foto: Sergej Perelman
Franz Nadler (zweiter v.l.), Vorsitzender von Connection e.V. München, 13.02.2026. Foto: Sergej Perelman

Link zum Podiumsgespräch 'I refuse!' auf der '24. Internationalen Friedenskonferenz' in München auf Deutsch und auf Englisch: https://www.youtube.com/live/wGmiVecn0SI?si=MHBJfLQy7cNF2Tgr und https://www.youtube.com/live/mPrFTauYR3k

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