Thomas Bayrle. Fröhlich Sein!
Frankfurt am Main [ENA] Die Kunst der Superform: die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert aktuelle Werke des Künstlers: Thomas Bayrle fröhlich sein! 12. Februar – 10. Mai 2026. Die Schirn zeigt über 50 Kunstwerke von Thomas Bayrle, die er in den letzten 20 Jahren seiner Schaffenszeit entwickelt hat.
Bayrle ist eine prägende Figur in Deutschland und in der internationalen Kunstszene. Dreißig Jahre lang lehrte er als Professor an der Städel Schule (1972 – 2002). Die Ausstellung zeigt Malerei und Grafik, Skulptur, Objektkunst, Soundinstallationen und eine Videoarbeit. Hintergrund seiner frühen Schaffensphase war das Wirtschaftswunder in Deutschland. Wirtschaftswunder bedeutet Industrialisierung. Daher widmete er sich der seriellen Produktion vergleichbar mit Andy Warhol „Campbell’s Boxes“ von 1964. Massenkultur und Pop-Art prägen die 60er Jahre und die Kunst von Bayrle.
Er zeigte im Jahr 2012 auf der documenta 13 aufgeschnittene Automotoren. Ein industriell gefertigtes Massenprodukt - der 2 CV-Motor von Citroën - wird zur Kunst, zum Objekt der Ästhetik. In der Ausstellung trägt das Werk den Titel „Rosaire“ und ist mit einer Soundinstallation verbunden. Bayrle gelang der „Iconic Turn“. Er verbindet analoge und digitale Elemente in der Kunstproduktion. Matthias Ullrich der Kurator der Ausstellung war selbst Schüler bei Professor Bayrle in der Städelschule und berichtete darüber: Bayrle steckte viel Zeit und Energie in die Lehre. Er war für die Studenten und Studentinnen immer ansprechbar und auch örtlich mit ihnen verbunden. Sein Atelier befand sich in der Städelschule.
Sein Prinzip war, dass er 50% als Ausgabe an die Studierenden gab, während er die anderen 50% als Eingabe der Studierenden an ihn entgegennahm. Die Werke von Bayrle sind alle von Hand angefertigt. So ist das Kunstwerk iPhone Pietà (2017) gewebt (siehe Vorderseite und Rückansicht in den drei hier gezeigten Fotos). Bayrle nahm Michelangelos Marmorskulptur Pietà (1499) aus dem Petersdom in Rom als Vorlage. Die Skulptur zeigt die sitzende Maria mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß. Das Bild besteht aus vielen kleinen Teilen - es sind Piktogramme eines iPhones - die sich ständig wiederholen, aber nicht identisch sind. Mit den Iphones als Detailbilder stellt Bayrle die Verbindung von der Vergangenheit zur Zukunft her.
Bayrle weist uns auf die technologische und gesellschaftliche Veränderung hin, die mit dem IPhone Einzug in unser Leben nahm. Für alle Werke ist ein großer handwerklicher Aufwand notwendig. Das Material ist Seide, Leinen, Baumwolle und Viskose. Es ist ein gewebter Wandteppich. Bayrle selbst sieht seine Werke als Superform. Superform bedeutet, dass das Kollektiv, die Klasse, die Gesellschaft oder die Gemeinschaft in der Gesamtdarstellung abgebildet wird und das Individuum sich dem Kollektiv gegenübersteht und mit Gewalt oft in die gesellschaftliche Form eingefügt wird. Das Individuum sind die einzelnen Teile des Gesamtwerkes, so wie im Bild iPhone Pietà die IPhones.
Bayrle betrachtet die einzelnen Fäden des Webstuhls als Individuen, die gemeinsam den Stoff formen und somit das Kollektiv bilden. Bayrle widmet sich der Industrialisierung und der Technologie: er schafft in seinen Werken Maschinen, Autobahnen und Flugzeuge. Er bewundert die Technologie und lehnt sie gleichzeitig ab. Er entwickelt eine positive Utopie und stellt diese der oft verzweifelnden Realität entgegen. So wird das Bild „Weisshorn“ gezeigt: ein alpiner Berg mit Zeichen der Zerstörung. Die Rückwirkungen der Technologie auf das Individuum ist oft sein Thema. Er hat einen partizipativen Ansatz und in der Kunstproduktion gilt für ihn “fröhlich sein, weitermachen“. Es ist bekannt, dass er das öfters zu den Studenten*innen gesagt hat.
Ähnlichkeiten entdeckt er und setzt diese konsequent als Wiederholungen in seinen Werken um. Wiederholungen sind sowohl in der Kunst als auch im Leben nötig, wie z. B. in der Reproduktion. Die in seiner Kunst erwirkte Superform, das Gesamtkunstwerk setzt sich aus kleinen Einzelteilen zusammen, wird sein Markenzeichen. Es sind gewebte Straßen, Strukturen mit hoher Ähnlichkeit aber auch mit Zerstörungen, zum Beispiel das Bild Walliser Alpen (Weisshorn, 2012). Er hat die Arbeiten humorvoll gebaut. Seine Fröhlichkeit ist seine politische Haltung.
Ein weiteres Thema neben der Technologie ist die Religion. Er hat sich schon früh mit dem Glauben auseinandergesetzt. So war er Kirchgänger und erlebte als Kind das Beten des Rosenkranzes als Wiederholungen vom gleichen Gebet wie eine Meditation. Der Autolärm ist ähnlich wie das Rosenkranzgebet. In seinem gleichmäßigen Rhythmus erhält er einen meditativen Ausdruck. Die Wiederholungen bergen Gleiches aber nichts Identisches. Die Videoinstallation Autobahnkreuz (2006) ist eine repetitive Szene. Die Autos der Autobahn sind in ständiger Bewegung wie das Blut in dem menschlichen Körper. Die Videoarbeit Autobahnkreuz produzierte Bayrle gemeinsam mit Daniel Kohl, seinem ehemaligen Studenten an der Städelschule.
Die Skulptur Automeditation (1987/2017) besteht aus vier aufeinandergestapelten Autoreifen. Das Profil des Reifens zeigt lateinische Worte aus dem Gebet Ave Maria und bezieht sich damit auf das Rosenkranzgebet. Alle Ausstellungsstücke sind Originale und Unikate. Das Papst Portrait in Papst 1 und Papst 2 zeigt die Wiederholungen, die Ähnlichkeit, aber gleichzeitig die Nicht-Identität. Die Päpste unterscheiden sich in Kleinigkeiten, die von dem menschlichen Auge erkennbar sind. Die Komposition setzt sich aus vielen kleinen Schuhen zusammen, die unterschiedliche Farben haben.
In der Schirn wurde ein neues, taktiles Bodenleitsystem von Peter Schloss installiert. Das Leitsystem hilft sehbehinderten Menschen sich durch die Ausstellung zu bewegen. Thomas Bayrle wurde 1937 in Berlin geboren und lebt und arbeitet seit den 60er Jahren in Frankfurt am Main. Mehr zur Ausstellung: https://www.schirn.de/




















































