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Der Schrei - Munch Museum, Oslo

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Oslo, 02.10.2026, 17:55 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 195x gelesen
Der Schrei von Edvard Munch, Variationen - Ausstellungsansicht
Der Schrei von Edvard Munch, Variationen - Ausstellungsansicht  Bild: Kurt Lehberger

Oslo [ENA] Im Aufwärtsgang auf der weißen Fläche der Dachflanken der neuen Oper bis zur Spitze tritt das Museum Munch im blauen Himmel in Erscheinung. Das Dach der Oper ist eine Schiefe in Weiß mit Querrillen, gleich eines Gletschers und schroffen Eisschollen im Meer.

Ein Gefühl von Freiheit stellt sich mit der Aussicht auf Oslo und auf die Berge in der Ferne ein. Von der Oper aus überquert man die Brücke zum Munch Museum. Das Munch Museum ragt mit seinen 13-Stockwerken hoch in den Himmel. Hier werden bis zu 28 Tausend Kunstwerke in Form von Gemälden, Grafiken, Zeichnungen, Fotografien und Skulpturen von Munch aufbewahrt. Munch wählte die Themen aus, die uns als Menschen universell bewegen: Angst, Tod, Liebe und Einsamkeit. Das berühmteste Bild wird in einem separaten Raum im 4. Stockwerk ausgestellt: „Der Schrei“. Die Ausstellungsstücke „Der Schrei“ sind verschiedene Versionen (Gemälde, Pastell und Druck) von Munch. Sie werden abwechselnd virtuell in einem Set von drei Bildern gezeigt.

Dachflanken der neuen Oper
Munch Museum
Munch Museum

Heute befinden sich acht fertige Versionen von „Der Schrei“ in den Sammlungen des Museums: ein Gemälde, eine Pastellzeichnung und sechs Lithografien. Das Motiv entstand bei einem Abendspaziergang, den Munch 1891 mit Freunden unternahm, als die Sonne über dem Oslofjord unterging. Eines Abends spazierte Edvard Munch mit zwei Freunden auf dem Ekeberg (am Stadtrand von Oslo), als ihn plötzlich tiefe Niedergeschlagenheit überkam. „Todmüde“ lehnte er sich an einen Zaun. Er blieb dort stehen, während seine Freunde weitergingen, und erzählte später: „… zitternd vor Angst – spürte ich den großen Schrei der Natur.“

Die Figur, die den Schrei ausführt, ist anonym, ohne Geschlecht, ohne Anzeichen der Herkunft, der sozialen Schicht. Der Schrei ist universell, er wird von allen Menschen verstanden. Der Schrei ist nicht nur der Mensch auf der Brücke, die Landschaft und der Himmel in den grellen Farben setzen den Schrei in Szene, machen ihn noch größer. Die Figuren im Hintergrund, so winzig sie auch sind, scheinen den Schlüssel zum Bild zu besitzen. Vertieft in ein Gespräch oder in ihre eigenen Gedanken gehen sie weiter, ohne sich umzudrehen. Die Ohnmacht der Figur, trotz Schrei nicht gehört zu werden, ist das Thema von Munch. Es ist eine Gesellschaftskritik.

Einsamkeit und Entfremdung bestimmen den modernen Menschen im Industriezeitalter. Die Angst des Einen wird von dem anderen nicht verstanden, dazu bedarf es Empathie, die in der anonymen Welt wieder erlernt werden muss. Das Bild zeigt die fehlende oder misslungene Kommunikation. Der Schrei wird nicht verstanden. Die Menschen ignorieren ihn und gehen auf ihrer geraden Bahn weiter. Es ist, als würde Munch schreien, dass es Zeit ist, innezuhalten und sich umzuschauen. Aufklärung und kritisches Denken wären eine Lösung. Edvard Munch widmet sich dem Innenleben und der Psyche des modernen Menschen.

Seine Bilder von existenzieller Angst, Beklemmung, Einsamkeit und den komplexen Emotionen der menschlichen Sexualität sind Kultbilder geworden. Munch entwickelte diese großen Themen – Angst, Liebe, Sex und Tod – in den 1890er Jahren – ein Projekt, das er den „Lebensfries“ nannte – eine Zusammenstellung seiner zentralen Werke über die Themen Leben, Liebe und Tod und zu dem er am Ende seines Lebens zurückkehrte.

Blick vom Museum auf Oslo
Ausstellungsansicht
Junge Leute am Strand, 1904

Stationen seines Lebens: Munchs erste Ausstellung in Berlin fand im Berliner Kunstvereins statt. Sie wurde mit 55 Bildern am 5. November 1892 eröffnet und endete mit einem großen Skandal. Im Dezember 1893 stellte Munch in Unter den Linden in Berlin aus und zeigte unter anderem sechs Gemälde unter der Überschrift Studie zu einer Serie: Die Liebe. Das war der Anfang zu dem, was sich später zum Lebensfries entwickelte. Munch traf sich regelmäßig mit Freunden in einem Gasthaus in Berlin und diskutierte Friedrich Nietzsches Philosophie, Okkultismus, Psychologie und die dunklen Seiten der Sexualität. Munch verließ Berlin 1896 und ließ sich in Paris nieder. Zwischen 1902 und 1908 hielt sich Munch überwiegend in Deutschland auf.

Marats Tod, 1907
Die Brosche, Eva Mudocci, 1903, Lithographie
Ausstellungsansicht

Er besuchte mehrfach Berlin, Lübeck (1903), Weimar (1904), Chemnitz (1905), Elgersburg, Weimar, Ilmenau, lebte in Bad Kösen (1905/1906) und in Warnemünde (1907/1908). Er führte in diesen Städten Malaufträge aus. In dieser Zeit in Deutschland traf er mit den bekannten Künstlern der modernen Kunst wie beispielsweise Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde zusammen. Er war kein Mitglied der Künstlergruppen wie „Die Brücke“ und „Der Blaue Reiter“, aber er kommunizierte mit ihnen. Munch war eine Art Vorbild der Expressionisten. Er selbst lernte ebenso von ihnen. 1912 stellte Munch auf der großen Sonderbund-Ausstellung in Köln seine Bilder der modernen Kunst aus und erhielt große Aufmerksamkeit.

Ausgewählte Werke: Liebe, Sexualität und Tod vereinen sich in Munchs Gemälde Marats Tod von 1907. Er selbst war mit seiner Geliebten Tulla Larsen in einen Kampf verwickelt, ein Schuss löste sich aus der Pistole und Munch wurde an der Hand verletzt. Es geht um die Liebe, ein Kampf zwischen Mann und Frau. Marat, ein französischer Revolutionär wurde 1793 von einer Frau in der Badewanne mit dem Dolch erstochen. Die Brosche, Eva Mudocci, 1903, Lithographie: Munch hatte sich Edvard Munch von Tulla Larsen getrennt und ging mit Eva Mudocci eine intensive Liebesbeziehung ein. Er schenkte ihr die Brosche. Weitere Information zu dem Munch Museum in Oslo: https://www.munch.no/en/

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