Montag, 16.07.2018 00:47 Uhr

Zeit der Wahrheit in Brasilien

Verantwortlicher Autor: Jose Antonio Perez São Paulo, 23.06.2018, 21:09 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Special interest +++ Bericht 6083x gelesen
LKW-Fahrer streiken Anfang Juni
LKW-Fahrer streiken Anfang Juni  Bild: Jose Antonio Perez

São Paulo [ENA] Brasiliens Wahlen im Oktober drohen zu einem Misstrauensvotum gegen das politische System zu werden. Die Saat der Massenproteste vor fünf Jahren ist aufgegangen und verspricht eine negative Ernte. Demos und Protesten sin in Brasilien nichts neues seit langer Zeit.

Aus dem Zorn über Fahrpreiserhöhungen entwickelten sich im Juni 2013 überraschend die größten Massenproteste seit dem Ende der Militärdiktatur Mitte der Achtzigerjahre. Über Nacht war das Land sich selbst überdrüssig geworden und verlangte nach einem Neuanfang. Heute, fünf Jahre später, ist aus den unerfüllt gebliebenen Hoffnungen von damals tiefe Enttäuschung geworden. Wohl kaum jemand in Brasilien ahnte Anfang Juni 2013, dass dem Land derart bewegende Zeiten bevorstanden. Der Wirtschaft ging es gut, die Arbeitslosigkeit bewegte sich auf niedrigem Niveau. Millionen von einst armen Familien waren seit dem Machtantritt der Mitte-Links-Regierung von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva im Jahr 2003 in die Mittelschicht aufgerückt.

Trotzdem fluteten seit dem 20. Juni 2013 Millionen Brasilianer regelmäßig die Straßen von Rio de Janeiro, São Paulo und anderer Großstädte. Damals forderten die Demonstranten, angesichts der teuren Sportarenen endlich auch Schulen, Krankenhäuser und einen öffentlichen Personennahverkehr "nach Fifa-Standards". Der als durch und durch korrupt empfundenen Polit-Klasse traute man jedoch nicht zu, die Veränderungen zu realisieren. "Keine Parteien, keine Fahnen", lautete das Motto der Massenproteste. Der Juni 2013 war ein Sammelsurium unterschiedlichster Graswurzelbewegungen, die nur eins einte: das Gefühl, nicht mehr von der Politik vertreten zu werden.

Der Geist von 2013 hat sich schon bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2014 in Luft aufgelöst", sagt die Soziologin Solano. Als 2015 die Wirtschaft auch noch in die Rezession rutschte, "nutzten rechte Gruppen die Welle der Unzufriedenheit, um das Amtsenthebungsverfahren gegen die damalige Präsidentin Rousseff voranzutreiben". Geblieben ist das Gefühl, dass die Politik keine Lösung bereithält. Angesichts der anstehenden Wahlen im Oktober ein Besorgnis erregendes Szenario. "Die Idee, sich nicht mit dem politischen System und den politischen Repräsentanten zu identifizieren, ist nach wie vor präsent", bestätigt Politikwissenschaftler Ricardo Ismael von der Katholischen Universität Rio de Janeiro (PUC-RJ).

Dies werde wahrscheinlich dazu führen, dass viele Wähler ungültige Stimmzettel abgeben. Brasilien ist heute gespalten wie nie zuvor. Die von vielen Brasilianern als "Staatsstreich" empfundene Amtsenthebung von Dilma Rousseff und die Verurteilung und Verhaftung von Ex-Präsident Lula da Silva wegen Korruption haben die Gesellschaft entzweit. "Um die Linke mache ich mir nicht so große Sorgen", sagt Soziologin Solano. "Lula könnte trotz seiner Verhaftung Stimmen auf einen anderen Kandidaten übertragen."

Anders sei die Lage im Mitte-Rechts-Lager. Weil dieses über keinen starken Kandidaten verfüge, bestünde die Gefahr, dass diese Stimmen dem rechtsaußen-Kandidaten Jair Bolsonaro zu Gute kämen. Der selbsterklärte Polit-Outsiders bedient und profitiert von der Politikverdrossenheit vieler Brasilianer. Wenn etwas von den Protesten des Juni 2013 bis heute überlebt hat, dann ist es genau diese Politikverdrossenheit. Und damit die Bereitschaft, einen Kandidaten zu wählen, der die Politik selbst verneint. Kein Mut machendes Szenario für das von Krisen geschüttelte Land.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.